Auf stolze 47 beziehungsweise sogar 58 Semester haben es die beiden habilitierten Theologen Prof. Dr. Arnd Götzelmann und Prof. Dr. Hans-Ulrich Dallmann vom Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen im Dienst der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen und einer ihrer beiden Vorgängerinstitutionen, der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen, gebracht, bevor sie sich im März 2026 in den verdienten Ruhestand verabschiedeten. Mit ihnen verliert die Hochschule zwei engagierte Hochschullehrer, Wissenschaftler, Autoren und hochschulpolitische Mitgestalter, die unter anderem den Prozess der Zusammenführung der beiden Ludwigshafener Fachhochschulen 2008 und den Umzug des Fachbereichs von der Maxstraße in die Ernst-Boehe-Straße 2024 aktiv begleiteten. Im Gespräch lassen die beiden die letzten Jahrzehnte und aktuelle Entwicklungen noch einmal Revue passieren.
Fast 30 bzw. fast 25 Jahre verbinden Sie mit der Evangelischen Fachhochschule und der HWG LU. Welche Ereignisse erscheinen Ihnen rückblickend als besonders erinnerungswürdig?
Dallmann: Das ist sicherlich der Start. Beinahe hätte die Deutsche Bahn meine Bewerbung zum Scheitern gebracht. Ich hatte einen Zug ausgewählt, der eine Stunde vor meinem Bewerbungsgespräch ankommen sollte. Es war ein heißer Tag. Der ICE blieb dann vor dem Mannheimer Hauptbahnhof auf der Strecke stehen. Irgendwann kam die Durchsage, dass der Hauptbahnhof wegen einer Störung gesperrt sei. Wir würden nun in Mannheim-Friedrichsfeld halten, dort würde gleich ein Regionalzug zur Weiterfahrt zur Verfügung stehen. Dann stand ich mit anderen Umsteigenden auf dem Bahnsteig. Was nicht kam, war irgendein Zug. Handy war vor dreißig Jahren auch noch keine Selbstverständlichkeit. Taxis? Keine zu sehen. Irgendwann kam nun doch ein Zug, der am Ludwigshafener Hauptbahnhof hielt, zehn Minuten vor meinem Termin. Ich bin zur Hochschule gejoggt und kam außer Atem und durchschwitzt gerade noch rechtzeitig an.
Inhaltlich war das natürlich die Fusion, aber darüber werden wir ja gleich noch zu sprechen kommen. Ein weiterer Punkt war das Neubauprojekt. Nach der Fusion hieß es von Seiten des Ministeriums, dass an eine Planung erst zu denken sei, wenn ein Hochschulentwicklungsplan vorgelegt werde. Der musste dann im Eilverfahren fertiggestellt werden, was aber angesichts der kulturellen Unterschiede zwischen den beiden Hochschulen, gelinde gesagt, etwas schwierig war. So war die erste Fassung auch nicht zustimmungsfähig. Die am wenigsten strittigen Punkte habe ich dann in einer kürzeren Fassung zusammengestellt, eigentlich ein Provisorium für den übergeordneten Zweck. Aber einen neuen Hochschulentwicklungsplan hat es bis jetzt noch nicht gegeben. Wie das eben so ist mit den Provisorien. Zwischenzeitig hatte ich nicht mehr geglaubt, dass ein Neubau realisiert werden würde, aber zum Glück wurde ich eines Besseren belehrt. Für die lange Planungs- und Bauzeit war nicht allein, aber auch der Landesrechnungshof verantwortlich. Obwohl mit Mitarbeitenden bei allen Planungssitzungen beteiligt, hat er immer wieder Änderungsforderungen nachgelegt. Das und die behördliche Struktur des LBB hat den Prozess um Jahre verzögert und im Endeffekt Millionen gekostet.
Eines noch unter den vielen erwähnenswerten Ereignissen: das Absolvent:innenfest 2014. Das kollidierte nämlich mit dem WM-Viertelfinale Deutschland-Frankreich. Wir haben dann relativ kurzfristig ein „Public Viewing“ im Pfalzbau hinbekommen, dafür hat seinerzeit vor allem Frau Sahmel aus der Hochschulkommunikation gesorgt. Es war ein großartiger Abend.
Und erinnerungswürdig sind in erster Linie die Kolleg:innen, die während meiner Zeit an der Hochschule viel zu früh verstorben sind. Klaus Priester, der charismatischste Kollege, den ich kennenlernen durfte, Ellen Bareis, mit klarem analytischen Blick auf die Verhältnisse und immer mit einer interessanten Idee, Monika Greening, in der Corona-Zeit zu uns gekommen und eine wunderbare Organisatorin, was besonders beim Aufbau des Skills-Lab absolut wichtig war.
Götzelmann: Mit der Evangelischen Fachhochschule war ich schon verbunden, seit ich 1992 den Stadtkirchentag Ludwigshafen organisierte, wofür wir auch das Hochschulgebäude in der Maxstr. 29 nutzten und ein gemeinsames Angebot entwickelten. Das ist 34 Jahre her. Zehn Jahre später wurde ich auf die „Stiftungsprofessur für Diakonie“ berufen. Da fing ich nicht nur an, die Verbindungen zum Diakonischen Werk Pfalz, in dem ich als Fort- und Weiterbildungsreferent gearbeitet hatte, und zu anderen diakonischen Trägern weiter zu entwickeln, sondern schlug meinem Kollegium auch ein Baukastensystem für Masterstudiengänge im Bereich des Sozial- und Gesundheitswesens vor. Es wurde nicht angenommen. Es gelang mir aber bald, den Masterstudiengang „Unternehmensführung im Wohlfahrtsbereich“ in einer – bundesland- und hochschulformübergreifenden – Kooperation mit der Universität Heidelberg (Prof. Dr. Heinz Schmidt u.a.) und dem Fachbereich I der damaligen Hochschule für Wirtschaft in Ludwigshafen (Prof. Dr. Eveline Häusler u.a.) zu eröffnen. Er war – zusammen mit dem bald folgenden „Hochschulverbund Ludwigshafen“ unserer beiden Fachhochschulen am Ort – ein gutes Experimentierfeld und eine vertrauensbildende Maßnahme für die später folgende Integration der Evangelischen Fachhochschule als neuem, vierten Fachbereich der staatlichen Hochschule Ludwigshafen. Kaum hatte ich mich als Professor an meiner Evangelischen Fachhochschule etabliert, kam eine existenzielle Verunsicherung durch die Ideen der kirchlichen Trägerin auf, ihre Fachhochschule abzugeben, aufzulösen oder in eine neue Kooperation zu überführen. Das hat mich auch persönlich getroffen. Obwohl ich sehr gern Pfarrer in Gemeinde und Diakonie war, hatte ich doch meinen zweiten Beruf als Professor für Soziale Arbeit liebgewonnen. Da war die Überführung in die Fachhochschule für Wirtschaft 2008 letztlich auch für mich persönlich eine gute Lösung, auch wenn ich die Aufgabe der Trägerschaft durch die Landeskirche bis heute für einen Fehler halte.
Und welche Themen haben Sie in Lehre und Forschung in dieser Zeit besonders umgetrieben?
Götzelmann: Nach einem Jahr auf der Stiftungsprofessur für Diakonie wurde ich 2003 auf eine reguläre Professur für „Ethik, Diakonik und Sozialpolitik“ berufen. Der Bedarf an Sozialpolitik war durch andere Stellen abgedeckt, die Diakonik spielte nach der „Hochschulfusion“ keine Rolle mehr. Aber die Ethik in der Sozialen Arbeit und immer wieder auch in unseren Gesundheitsstudiengängen, anfangs auch in Wirtschaftsstudiengängen, habe ich stets gern gelehrt und einiges von unserem früheren Lehrbeauftragten Dr. Gerhard Vidal und dann auch von Hans-Ulrich Dallmann gelernt. In meinem Studienschwerpunkt „Soziale Arbeit im Kontext von Inklusion, Gesundheit und Gerontologie“, den die Studierenden im dritten Semester unter acht Angeboten wählen konnten, habe ich ebenso gern gelehrt. Die Möglichkeit, eine kleine Gruppe Studierender über vier Semester zu begleiten und Wissenschaft mit der professionellen Praxis in einem wachsenden Netzwerk von Kooperationen zu verbinden, hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich bedauere, dass mein Fachbereich bislang keine Nachfolge für den Bereich der Inklusion angestrebt hat.
Für meine Forschungsvorhaben konnte ich meine Forschungsfreisemester nutzen. Vier Themenkomplexe haben mich beschäftigt: Anfangs konzentrierte ich mich auf diakoniewissenschaftliche und pastoralpsychologische Themen - auch in selbst veranstalteten Fachtagungen, aus denen einige Publikationen hervorgingen. Nach der Fusion wandte ich mich dem Verhältnis von Menschenrechten und Sozialer Arbeit zu. Dann hatte ich ein über Jahre laufendes No-Budget-Projekt mit Prof. Thomas Wagner zu „Reflexionen wohlfahrtsstaatlicher Transformation in biographischen Erzählungen zum beruflichen Alltag in der diakonischen Sozialen Arbeit“. Mein Forschungsprojekt zur Geschichte evangelischer Ausbildungsstätten für Sozialarbeit in der Pfalz seit 1945 und zur Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen seit 1971 hat mich in meinen letzten Berufsjahren in seinen Bann gezogen.
Dallmann: Meine Stelle hatte die Denomination „Theologie/Sozialethik“. Das war schon zur Zeit meiner Berufung ein Anachronismus: Theologie wurde an der EFH lange nicht mehr gelehrt. Für mich war die größte Herausforderung, den Praxisbezug der Ethik zu den Feldern Soziale Arbeit und Gesundheit/Pflege herzustellen. Mir ging es darum, in Lehre und Forschung eine Ethik in der Sozialen Arbeit und in der Pflege zu entwickeln. Das hat sich dann in zwei Lehrbüchern niedergeschlagen, die ich mit einem befreundeten Kollegen für die Soziale Arbeit und mit meiner Ehefrau, sie ist Pflegewissenschaftlerin, für die Pflege veröffentlicht habe. Daneben gab es zwei thematische Schwerpunkte: Zum einen die Aufnahme systemtheoretischer Ansätze in die Ethik und in die Soziale Arbeit. Das Thema beschäftigt mich schon seit meiner Promotion. Zum anderen das Thema Migration, das ich ausführlich in meiner Habilitation traktiert habe und das in den ersten Jahren im Studienschwerpunkt Soziale Arbeit im Kontext der Migration (früher hieß das noch „Ausländerarbeit“, terminologische Veränderungen haben nun doch oft ihr Gutes) bei mir zentral war.
Sie haben auch die Fusion der damaligen Evangelischen Fachhochschule und der Fachhochschule für Wirtschaft mit ihren ganz unterschiedlichen Studienprogrammen und Kulturen begleitet und mitgestaltet. Wie bewerten Sie die Fusion rückblickend?
Dallmann: Eigentlich war es ja keine Fusion, sondern ein Betriebsübergang nach §613a BGB. Wir an der EFH hatten uns in der Zeit davor für die Selbständigkeit stark gemacht. Wir hatten auch nach alternativen Fusionsmöglichkeiten Ausschau gehalten. Die – eigentlich naheliegende – Fusion mit der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt scheiterte an den Landes- und Landeskirchengrenzen. Bei manchen Kolleg:innen entstand der Eindruck, dass die Landeskirche uns um jeden Preis loswerden wolle. Wie auch immer, im Rückblick sehe nicht nur ich die Aufgabe der FH durch die Landeskirche als einen schweren Fehler an. Aber der Wechsel zum Land als Träger hat dann der nur noch als Fachbereich weiter existierenden Hochschule enorme Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet. Ob der Ausbau des Gesundheitsbereichs mit Hebammen und Pflege beim Verbleib in der Landeskirche so möglich gewesen wäre, darf gewiss bezweifelt werden. Also: Wenn es auch anfangs eine „Zweckheirat“ war, hat sie sich in der Folgezeit doch bewährt.
Das Zusammenfinden der beiden Hochschulen war dadurch erschwert, dass wir von der EFH zunächst (und das hat sich dann auf 16 Jahre summiert) im alten Gebäude in der Maxstraße verblieben sind. Gemeinsame Arbeit gab es daher vor allem auf der Leitungsebene, in der alltäglichen Lehre und Forschung gab es einige wenige gemeinsame Ansätze wie das Querschnittsmodul Flucht und Migration und ein paar Kooperationen auf persönlicher Ebene, auch im Zusammenhang des Social Innovation Lab in der Innenstadt. Alles in allem blieb das allerdings eher überschaubar. Und die „kulturellen“ Differenzen zwischen den verschiedenen akademischen und gesellschaftlichen Milieus sind ja nicht zu übersehen. Ein großer Teil meiner Aufgabe als Vizepräsident und in der Hochschulleitungsrunde war es, zwischen den verschiedenen „Dialekten“ zu übersetzen und zu vermitteln. Dass etwa der Begriff „Qualitätsmanagement“ ganz unterschiedliche Assoziationen auslöst, sollte jedenfalls nicht überraschen.
Es ist zu hoffen, dass das Zusammenwachsen durch den gemeinsamen Campus gefördert wird. Zudem sind seitdem viele junge Kolleg:innen hinzugekommen, für die die EFH zur Vergangenheit gehört. Da sollte doch das ein oder andere möglich sein.
Götzelmann: Ich habe es vorhin ja schon kurz gesagt: Die Überführung der Evangelischen Fachhochschule (EFH) an die staatliche Hochschule in Ludwigshafen hat für den Fortbestand unserer Studiengänge, des Personals und lange auch der räumlichen Unterbringung in der Maxstr. 29 gesorgt. Darüber hinaus schien sie viele neue Möglichkeiten zu eröffnen. Die haben wir nicht wirklich ausgeschöpft. So konnten wir unser seit langem an der EFH sehr erfolgreich wirkendes „Institut für Weiterbildung, Beratung und Forschung“ unter dem neuen Dach der staatlichen FH nicht wieder aufleben lassen. Unter Dekan Hans Ebli gab es dazu immerhin gute Ansätze. In die Forschungsförderung der gemeinsamen FH waren wir lange nicht richtig einbezogen. Die unterschiedlichen Traditionen, Kulturen und Fachlichkeiten beider Fachhochschulen haben zusammen mit der räumlichen Trennung, die erst 2024 mit dem Umzug auf den gemeinsamen Campus endete, zu „Paralleluniversen“ innerhalb der gemeinsamen Hochschule geführt, auch wenn es viele Gemeinsamkeiten, produktive Begegnungen mit einzelnen Kolleg:innen gab und unsere Leute – besonders hervorzuheben ist hier Hans-Ulrich Dallmanns Mitwirkung in der Hochschulleitung seit 2008 – ja in allen gemeinsamen Gremien saßen. Oft waren und blieben wir aber eine Minderheit, die von der Mehrheit der drei „Altfachbereiche“ wirtschaftlicher Prägung dominiert wurde, auch wenn die Präsidenten Wolfgang Anders und Peter Mudra die Chancen, die sich mit unserem Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen für die ganze Hochschule ergaben, gesehen hatten und sie auch zu nutzen versuchten.
Wie haben Sie den Umzug auf den gemeinsamen Campus 2024 erlebt?
Dallmann: Schleppend. Und das durchaus auch im wörtlichen Sinn; da hatte sich dann im Laufe der Jahre doch einiges angesammelt, was entsorgt oder umgezogen werden musste. Schleppend aber auch, weil zunächst nur der Studienbereich Soziale Arbeit umziehen konnte. Der Gesundheitsbereich blieb noch an der Maxstraße, weil das neue Skills-Lab in der Turmstraße noch nicht fertig gestellt sein konnte und wir ein Provisorium unweit der Maxstraße nutzen mussten. Ärgerlich war, dass sich die Fertigstellung der Mensa so lange hingezogen hat. Auch das lässt den Campus als Provisorium erleben.
Götzelmann: Das sehe ich genauso. Hinzu kommt für mich zweierlei. Das Gute am späten Umzug war, dass er schließlich so nahe an meine Pensionierung heranreichte, dass ich beim Ausräumen meines alten Büros in der Maxstraße schon mehr als 90% aller Bestände ausmusterte. Das hat es mir dann leicht gemacht, den Rest wegen meines Ruhestandseintritts zum März 2026 auszuräumen. Das Schlechte war, dass ich nun in ein eigentlich zu kleines Doppelbüro umziehen musste, nachdem ich fast ein ganzes Berufsleben lang ein Büro für mich allein hatte. Gewohnte Routinen der Studienberatung, der Besprechung mit Kolleg:innen und Externen, des Telefonierens etc. endeten abrupt oder änderten sich doch. Ein Gefühl der Degradierung machte sich breit. Das Gute im Schlechten war jedoch, dass mein Zimmerkollege Prof. Andreas Rein und ich ein extrem gutes kollegiales, ja freundschaftliches Miteinander entwickelten.
Auch der Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen, der aus der EFH hervorgegangen ist, hat sich seit 2008 weiterentwickelt. Welche Entwicklungen halten sie für besonders zukunftsfähig?
Dallmann: Der Bedarf an gut qualifizierten Menschen in der Sozialen Arbeit, in der Pflege und bei den Hebammen wird auch in Zukunft bestehen. Wie allerdings diese Qualifikationen erworben werden, befindet sich zurzeit im Umbruch. Erst die Corona-Pandemie, dann der schnelle Durchbruch von KI-Anwendungen haben das Studieren und Lehren in kürzester Zeit extrem verändert. Die klassische Präsenzhochschule alten Zuschnitts ist in der Krise. Einige Entwicklungen hatten sich bereits zuvor abgezeichnet. So ist z.B. die Zahl der Studierenden, die neben dem Studium – zum Teil in erheblichem Umfang – arbeiten (müssen), beständig gestiegen, ebenso die Zahl derer, die Care-Arbeit in den privaten Kontexten leisten (müssen). Also nimmt Präsenz ab und der Ruf nach hybrider oder Onlinelehre wird lauter. Das verschärft sich noch dadurch, dass private Bildungsanbieter diesen Bedarf zum Geschäftsmodell machen.
Eine Antwort auf diese Entwicklung ist das Angebot von dualen Studiengängen. Da sehe ich den Fachbereich nach dem Start des dualen Sozialarbeitsstudiengangs und mit den primärqualifizierenden Studiengängen in der Pflege und bei den Hebammen gut aufgestellt. Für die Soziale Arbeit im klassischen Studium wird man sehen müssen, inwieweit das an die sich verändernden Gegebenheiten angepasst werden kann – es handelt sich ja um einen staatlich regulierten Studiengang, bei dem der Fachbereich in manchem gebunden bleibt. Offen ist die Entwicklung in der Pflegepädagogik, aber da ist der Studienbereich schon seit einiger Zeit dabei, innovativ auf die Entwicklung zu reagieren.
Götzelmann: Der Bachelorstudiengang Soziale Arbeit war von Beginn an bis heute der größte Studiengang der Hochschule. Wir hatten, als ich kam, versucht, ihn um einen neuen Studiengang für Elementarpädagogik und Erzieher:innenausbildung zu ergänzen. Leider gab das Land dann ausschließlich „seiner“ Fachhochschule in Koblenz den Zuschlag. Immerhin haben wir es geschafft, dieses Thema innerhalb des BA Soziale Arbeit zu verankern. Die Chancen von Kooperationen in dem wichtigen und weiten Schnittfeld von Sozialer Arbeit und unseren Pflege- und Hebammenstudiengängen könnten zukünftig breiter entwickelt werden. Die Gesundheitsstudiengänge an unserem Fachbereich sind wichtig und haben sich gut entwickelt. Schon zu „evangelischen Zeiten“ hatten wir versucht, auch andere Gesundheitsfachberufe durch eigene Studiengänge mit verschiedenen externen Partnern zu akademisieren, wie die Physiotherapie. Das Land stellte aber die Stellen und Mittel dafür nicht bereit. Hier sehe ich weiterhin ein großes Entwicklungspotenzial. Vielleicht wäre es auch reizvoll, etwas Ähnliches zur Qualifikation für Leitungsaufgaben im Sozial- und Gesundheitswesen wie den ausgelaufenen Masterstudiengang „Unternehmensführung im Wohlfahrtsbereich“ in einer wiederum fachbereichsübergreifenden Kooperation neu zu entwickeln. Die neuen dualen Studiengänge sehe ich kritisch: In enger Bindung an die Praxis besteht die Gefahr, dass es hier mehr um „Employability“ als um Wissenschaft geht.
Herr Dallmann, Sie haben besonders die ethischen Themen für den interdisziplinären Brückenschlag zwischen Sozial- und Gesundheitswesen und den Wirtschaftswissenschaften genutzt. Ist das gelungen?
Dallmann: Eigentlich nicht. Das lag mit Sicherheit auch an meiner Person und Position, aber auch an unterschiedlichen Zugängen. Ich sagte schon, dass es mir zentral um Ethik in Sozialer Arbeit und Pflege geht. Aber Ethik in den Wirtschaftswissenschaften ist nicht Ethik in der Wirtschaft, sondern Wirtschaftsethik, ein wichtiger Unterschied. Es kommt dabei weniger auf die Reflektion der eigenen beruflichen Praxis und ihrer Dilemmata an, sondern auf die konstitutiven Regeln und auf die rechtlichen und politischen Einhegungen wirtschaftlichen Handelns. In einem gewissen Sinn sind Soziale Arbeit, Pflege und Hebammenwesen von ihrer Grundausrichtung ethisch kontaminierte Praktiken (mit allen Schwierigkeiten und Problemen, die das mit sich bringt); das trifft in dieser Weise auf die Wirtschaft nicht zu. Ein konkretes Beispiel: Die klassischen Prinzipien in der Bioethik – also Autonomie, Benefizienz, Non-Malefizienz (also das Nicht-Schadens-Prinzip) und Gerechtigkeit – sind für die Wirtschaftsethik allenfalls peripher von Bedeutung. Autonomie ist kein Problem, weil es den Wirtschaftswissenschaften axiomatisch zugrunde liegt und deshalb nicht problematisiert werden kann, Benefizienz spielt keine und Non-Malefizienz so gut wie keine Rolle im ökonomischen Kalkül und Gerechtigkeit ist die Kontingenzformel des Rechtssystems, nicht der Wirtschaft. Diese Differenz zu überbrücken, ist mir jedenfalls nicht gelungen.
Herr Götzelmann, Sie waren und sind der Chronist der Geschichte der Sozialen Arbeit in Ludwigshafen und der EFH. Setzen Sie Ihre Forschungen hierzu fort?
Götzelmann: Meine Arbeiten dazu sind mit meinem letzten Buch zur „Geschichte der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen“ (2023) und einem Fachaufsatz „Zur Entwicklung des kirchlichen Sozialseminar- und Hochschulgebäudes Maxstraße 29 in Ludwigshafen“ (2024) abgeschlossen. Mit einer familiengeschichtlichen Arbeit möchte ich mich aber weiter im historischen Feld bewegen.
Was wird Ihnen an der Hochschule fehlen?
Dallmann: Die Studierenden und die Kolleg:innen; gut verzichten kann ich auf Gremiensitzungen.
Götzelmann: Dito, und die schöne neue Bibliothek mit ihrem tollen Personal.
Womit füllen Sie nun die entstandene Lücke?
Götzelmann: Meine Frau und ich haben uns schon vor dem Eintritt in den Ruhestand versprochen, dass wir ein Jahr lang keine neuen Verpflichtungen annehmen wollen, sondern überlegen, was für uns beide das passende Engagement werden soll, vorausgesetzt wir bleiben gesund. Derzeit habe ich das Gefühl, dass ich weniger intellektuell-wissenschaftlich-theoretisch weitermachen will, sondern eher musisch-künstlerisch-praktisch. Gern spiele ich Saxophon und singe, auch in einem Projektchor unserer Kirchengemeinde. Musikalisch will ich gern mehr machen. Letztes Jahr habe ich mit einem Malkurs in der Provence angefangen, die mit dem Eintritt ins Berufsleben beendete Aquarellmalerei wieder zu entdecken. Hier gibt es Luft nach oben. Außerdem will ich mehr Radfahren und Wandern. Neu betätigen möchte ich mich, sobald es geht, als ehrenamtlicher Rikscha-Fahrer für Senior:innen in Speyer. Es kann auch sein, dass ich die ein oder andere Buchrezension übernehme. Die Zukunft ist offen und voller schöner Optionen.
Dallmann: Ich habe mir erstmal ein „Orientierungssemester“ verordnet, in dem ich mich ein wenig umsehe, in welchen Feldern ich mich engagieren möchte. Einiges werde ich einfach fortführen, meine Mitarbeit in der Kirchengemeinde und das Singen im Chor, auch das Fahrradfahren werde ich nicht aufgeben – und ins Stadion gehe ich sowieso weiterhin. Sicher werde ich auch noch mehr Muße haben, zu kochen. Ganz sicher werde ich auch das ein oder andere publizieren. Neu hinzu kommt mit großer Wahrscheinlichkeit (es fehlt nur noch die formale Beauftragung), dass ich an der Uniklinik in Frankfurt in das Team der Patientenfürsprechenden aufgenommen werde. Alles Weitere wird sich weisen.
Wenn Sie Ihren ehemaligen Kolleg*innen oder der Hochschulleitung etwas mit auf den Weg geben könnten – welcher Rat wäre das?
Dallmann: Die sind gut unterwegs und benötigen ganz sicher nicht meinen Rat. Außer vielleicht die Zeilen eines gerade achtzig Gewordenen: „Hinterm Horizont geht’s weiter.“
Götzelmann: Kümmert Euch um die Kernprozesse der guten Lehre: Ausstattung mit Lehrpersonal, Stundenplanung, Prüfungsangelegenheiten u.ä.! Macht nicht auf: „There`s no business like show business!“
Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!
(Interview: Elena Wassmann)





