Prof. Dr. Tina Turnheim (Jg. 1984) ist seit dem Wintersemester 2025/2026 im Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen mit der Vertretungsprofessur Soziale Arbeit mit Schwerpunkt auf ästhetische und politische Bildung beauftragt. Seit Ende April 2026 bekleidet sie diese Professur. Die promovierte Theaterwissenschaftlerin und Theatermacherin hat zudem gemeinsam mit Prof. Dr. Andrea Lutz-Kluge die Ko-Leitung des Social Innovation Labs (SoIL) in der Ludwigshafener Innenstadt inne. Hier stellt sich Tina Turnheim im Gespräch kurz vor:
Seit 1. September 2025 sind Sie als Vertretungsprofessorin für Ästhetische und Politische Bildung in der Sozialen Arbeit an der HWG LU. Hatten Sie einen guten Start?
Ja, definitiv! Ich habe mich an der HWG vom ersten Tag an von allen Seiten, (vom Kollegium und den Mitarbeitenden des Fachbereichs, über die Verwaltung und Hochschulleitung bis hin zu den Mitarbeitenden der IT und der Mensa) äußerst willkommen gefühlt.
Meinen Studierenden danke ich für ihre Offenheit und Experimentierfreude in der ästhetischen Praxis – ich freue mich darauf, mit ihnen in diesem Semester erste ästhetische Interventionen zu entwickeln, die Wahrnehmungsweisen erweitern und zum kritischen Hinterfragen gesellschaftlicher Prozesse einladen.
Welche Aufgaben umfasst Ihre neue Position?
Zu meinen Aufgaben zählen Lehre und Forschung vor allem im Bereich der ästhetischen und politischen Bildung in der Sozialen Arbeit sowie die Beteiligung an der akademischen Selbstverwaltung.
Gemeinsam mit meiner überaus geschätzten Kollegin Prof. Dr. Andrea Lutz-Kluge habe ich zudem die Ko-Leitung des Social Innovation Labs (SoIL), einem Projektraum der HWG in einem ehemaligen Ladenlokal in der Ludwigshafener Innenstadt, übernommen. Unser Ziel ist es, das SoIL weiter als „Dritten Ort“, als Begegnungsraum für die unterschiedlichsten Akteur:innen der Stadtgesellschaft zu verankern und gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen an der Schnittstelle von Wissenschaft und (Sozio-)Kultur Raum zu geben.
Was reizt Sie an der neuen Stelle besonders?
Gerade in der aktuellen Umbruchszeit, in der Autoritarismus, ein weiteres Erstarken rechter Akteur:innen und Kürzungen in den Bereichen Soziales und Kultur zusammenfallen, sind politische und ästhetische Bildung zentral: um diese verunsichernden Entwicklungen kritisch zu hinterfragen, sie nicht zu naturalisieren, sondern sie als menschengemacht und somit als veränderbar zu erkennen, sich von ihnen nicht lähmen zu lassen und politische Imaginationsfähigkeit zu trainieren.
Durch das SoIL besteht zudem die Möglichkeit, in die Stadtgesellschaft hineinzuwirken und gesellschaftspolitischen Fragestellungen, sozialen Initiativen und kritischer ästhetischer Forschung eine Bühne geben zu können.
Was sehen Sie als besondere Herausforderung?
Ich komme aus einem universitären geistes- bzw. kulturwissenschaftlichen Kontext und habe über ein Jahrzehnt, vor allem in Berlin, als freischaffende Künstlerin gearbeitet. An der HWG treffe ich nun auf Studierende, deren Fokus ein anderer ist. Ich empfinde es als bereichernd und herausfordernd zugleich, durch diese für mich neue Konstellation dazu gebracht zu werden, eigene Annahmen und Vorstellungen immer wieder zu überprüfen, mich theoretisch und didaktisch weiterzuentwickeln und die Perspektiven und Erfahrungen der Studierenden und der Kolleg:innen kennenzulernen und mit ihnen gemeinsam auszuhandeln, über welche Potentiale die ästhetische Bildung in der Sozialen Arbeit verfügen könnte.
Und in Bezug auf das SoIL widme ich mich aktuell dem Kennenlernen lokaler Akteur:innen sowie dem Aufbau von neuen Kooperationspartner:innenschaften mit kulturellen Institutionen aus der Rhein-Neckar-Region. Durch diesen Austausch lerne ich gerade viel über die konkrete Situation hier vor Ort und darüber, was die Menschen in der Region bewegt.
Was haben Sie vor Ihrem Amtsantritt in Ludwigshafen beruflich gemacht?
Unmittelbar vor meiner Berufung habe ich einige Jahre für eine zivilgesellschaftliche Organisation in der antisemitismuskritischen politischen und kulturellen Bildung gearbeitet. In diesem Rahmen habe ich Publikationen herausgegeben und verfasst, an einer Studie mitgewirkt und Kulturveranstaltungen bzw. -Projekte konzipiert und organsiert. Davor bzw. auch noch währenddessen war ich seit 2011 als freischaffende Theatermacherin u.a. in den Bereichen Dramaturgie, Text und Regie tätig. Von 2012-2021 vor allem mit dem von mir mitbegründeten Kollektiv EGfKA. Alle meine künstlerischen Projekte verbindet eine Auseinandersetzung mit der Sozialen Frage und der Versuch, die eigenen Produktionsprozesse im Bewusstsein ihrer Widersprüchlichkeiten und Hierarchien möglichst gleichberechtigt zu gestalten.
Von 2019-2021 war ich Teil einer künstlerischen Forschungsgruppe, die sich an der Kunsthochschule Kassel mit NS-Kontinuitäten bei der documenta auseinandersetze und habe in diesem Rahmen künstlerisch kritisch zu Joseph Beuys geforscht.
Warum fiel Ihre Wahl auf die HWG LU?
Dafür gab es einige Gründe: den Stellenwert, den die ästhetische Praxis im Curriculum einnimmt, der Fokus im Kollegium auf Kritische Soziale Arbeit und die kritisch-reflexive Perspektive, die es gerade jetzt so dringend braucht! Dazu die Potentiale, die das Social Innovation Lab mit sich bringt…
Vor allem hat mich aber überzeugt, dass in der Denomination der Professur explizit die ästhetische mit der politischen Bildung zusammengedacht wurde.
Letztlich haben die angenehm-kollegiale und interessierte Gesprächsatmosphäre, die ich im Rahmen meiner Probevorlesung und des anschließenden Fachgesprächs erfahren durfte, den finalen Ausschlag gegeben, die Stelle anzutreten.
Ganz herzlichen Dank!
(Interview: PE/Hoko)




